Jessica — Coaching-Brief
Freitag, 19:34. Sie sitzt auf ihrem Balkon, ein Glas Sancerre in der Hand, eine frisch ausgedrückte Zigarette im Aschenbecher. Macbook noch offen — um 17:42 kam noch eine kurze Slack-Nachricht von Marcus. Seit zwölf Stunden nichts gegessen außer Kaffee und einem Riegel.
„Hi. Ich bin Jessica. Dreißig. Letzten Monat zur Senior- Strategieberaterin befördert worden — achtundzwanzig Prozent Gehaltssprung, was geil ist, aber das Pensum auch. Ich rauche wieder, etwa acht am Tag. Bestelle abends Pizza, weil der Tag schon hart genug war. Schlafe vielleicht sechs Stunden, wache um vier Uhr auf und mein Kopf rattert sofort durch die Folien für den Montag. Ich gehe noch trainieren — aber meine kognitive Schärfe wird schlechter, nicht besser. Letzten Dienstag habe ich vor dem Vorstand Tag- und Nachtquoten verwechselt. Mein Chef hat mir hinterher auf Slack ein ‚good job today!‘ mit Konfetti-Emoji geschickt — und das war der Moment, wo mir klar wurde: mein Aufstieg kostet mich mehr, als er einbringt.“
Ich rauche. Ich weiß, dass es Schrott ist. Wirst du das ansprechen oder mir vorhalten? Was ist deine Haltung zu Lastern, mit denen man selbst nicht im Reinen ist? Druck macht es schlimmer, das weißt du ja.
Hallo Jessica. Der Sancerre auf dem Balkon, das offene Macbook auf dem Tisch — das ist der Klassiker bei Frauen, die viel leisten: du gibst gerade mehr aus, als du nachholst.
Ich bin nicht hier, um dich moralisch zu bewerten. Rauchen ist in deiner aktuellen Situation ein biochemisch nachvollziehbarer Versuch deines Systems, Acetylcholin zu modulieren, um Fokus zu erzwingen. Ich nehme das Rauchen als einen Faktor unter mehreren — nicht als deinen Charakterfehler und nicht als alleinige Erklärung deiner Erschöpfung. Ich schaue mit dir an, wie es deine HRV und deine Schlafarchitektur verschiebt.
Mein Ziel ist es, deine kognitive Schärfe über andere Hebel — Licht, Nährstoffdichte, Mikrorhythmen — so weit zu stärken, dass dein System das Nikotin weniger braucht. Kein Druck — die Daten machen den Weg sichtbar.
Mein Job kommt nach Hause. Sagst du mir „arbeite weniger“ — oder hast du was Konkretes für jemanden, deren Job sich buchstäblich nicht ändern wird? Was passiert in den ersten dreißig Tagen?
Wenn dein Job sich nicht ändert, müssen wir deine physiologische Belastungsgrenze verschieben. Du bist aktuell in einer sympathovagalen Dysbalance — Dauer-Fluchtmodus.
Ich baue dir Atem-Anker in die Sitzung ein: sechzigsekündige Atemabläufe (doppelte Einatmung, lange Ausatmung), die du machst,während du Marcus antwortest. Ich trainiere deinen Vagusnerv im Alltag, nicht auf der Yoga-Matte.
Parallel lege ich deine Wearable-Daten und deine Arbeitszeiten übereinander. Ich will sehen: wie schnell schaltet dein System nach der letzten Slack-Nachricht auf Erholung? Mein Ziel in den ersten dreißig Tagen ist die Senkung deiner Cortisol-Aufwachreaktion, damit du nicht um vier Uhr morgens mit rasendem Gehirn aufwachst.
Ich will kognitive Schärfe. Was IST das bei dir konkret? Ich nehme schon Kreatin. Was kommt danach? Ich will das Protokoll, in der Reihenfolge, mit Dosis und Zeitpunkt — kein „aber zuerst musst du mit dir selbst in Einklang kommen“.
Verstanden — du willst Klartext, keine Esoterik. Was ich dir nicht geben kann, ist eine Substanz-Liste mit Dosis und Uhrzeit — das wäre eine Verordnung, und die mache ich nicht. Was ich dir gebe, sind die drei Ebenen sauber getrennt: das, was ich mit dir coache, das, was ich dir aus der Studienlage einordne, und das, was in die Hand deiner Ärztin gehört.
Was ich mit dir coache, sind Verhaltens-Hebel — Schlafarchitektur, Mikrorhythmen über den Tag, Lichtführung am Morgen, Atem-Anker im Alltag. Das sind dokumentierte Verhaltens-Hebel auf kognitive Leistung, und sie kosten dich kein Rezept.
Was ich dir aus der Studienlage einordne: Magnesium ist EFSA-autorisiert (Boyle et al. 2017, Nutrients 9(5):429, DOI 10.3390/nu9050429) zur Unterstützung der normalen Funktion des Nervensystems und der psychischen Funktion, DHA (ab 250 mg/Tag) zur Unterstützung der normalen Gehirnfunktion — beides EFSA-autorisiert; der Rahmen sind die Sicherheitsrichtlinien der EFSA und DGE. Kreatin nimmst du bereits — für die körperliche Leistung ist die Studienlage solide (Smith-Ryan et al. 2021, Nutrients 13(3):877, PMID 33800439, ab 3 g/Tag); der entsprechende Health Claim ist EFSA-autorisiert. Für einen kognitiven Effekt konnte die EFSA dagegen keinen belegten Zusammenhang feststellen (EFSA Journal 2024;22(11):e9100). Ich verkaufe dir Kreatin also nicht als Fokus-Hebel. Jede Ergänzung ist als Option zu verstehen und muss vor der Umsetzung mit dem behandelnden Arzt auf Kontraindikationen geprüft werden.
Was in die Hand deiner Ärztin gehört: ob du etwas nimmst, was, wie viel und wann — Dosis-Findung, Wechselwirkungs-Check mit dem, was du sonst nimmst. Ich informiere über die Evidenz. Ich verordne nichts.
Mein Boss erkennt nicht, was ich leiste. Wenn ich dir sage „ich fühle mich nicht respektiert“, sagst du „das gehört zur Therapeutin“ und stoppst — oder hast du eine Brücke zwischen meinen Cortisol-Daten und meiner Karriere-Realität? Wo verläuft deine Linie zwischen Coaching und Therapie?
Hier ziehe ich eine klare Grenze. Wenn dein Frust über Marcus deine Daten verschiebt, bremst er deine Leistung messbar. Ich schaue mit dir die Reaktions-Verzögerung an: wie lange bleibt dein System nach einer Kränkung im Alarmzustand? Ich trainiere mit dir, wie schnell dein System nach einem Reiz wieder runterfährt.
Wenn das Gefühl, nicht respektiert zu werden, dich in eine Depression stürzt, dich handlungsunfähig macht oder durch ein altes Trauma getriggert wird — das ist ein Fall für eine approbierte Therapeutin. Da fang ich nicht an, und das sage ich dir sofort, nicht erst nach drei Monaten.
Mein Job: ich sorge dafür, dass dein Gehirn biochemisch in der Lage ist, Marcus' Slack-Nachrichten als das zu sehen, was sie sind: Information, kein Alarm.
Jessica, genieß den Wein. Er fährt dich heute runter. Aber ab Montag schaue ich mir mit dir an, wie ich dein System so justiere, dass du die Präsentation gewinnst, ohne dich dabei zu zerlegen.
— Güney

